Kleinstadtbahnhof

10.09.11

Erinnerungen von Pete
 

Die Screenshots auf diesen Seiten stammen aus den ersten vier Folgen der Serie "Kleinstadtbahnhof", zur Verfügung gestellt von Pidax-Film, vielen Dank!

Es gab eine Zeit, da stand das Kürzel DB für "Deutsche Bundesbahn". Es stand für ein staatliches Unternehmen, das nicht nur durch weniger Verspätungen, dadurch zufriedenere Fahrgäste und besseren Service zu beeindrucken wusste als sein privater Nachfolger "Die Bahn", es stand u. a. auch für die soziale Absicherung zufriedener Bahn-Mitarbeiter, zu denen auch mein alter Herr gehörte. In den 50er Jahren war er dem Rat von wohlmeinenden Freunden gefolgt und Mitarbeiter bei der Deutschen Bundesbahn geworden, und als solcher verdiente er tatsächlich genug, um als Alleinverdiener eine vierköpfige Familie ernähren und nebenbei sogar noch etwas ansparen zu können.

 

Die Arbeit wurde angemessen entlohnt und man konnte vom Verdienst leben; es gab Freifahrtscheine, die im ganzen westlichen Bundesgebiet Gültigkeit hatten, es gab verbilligte Bahnkarten für Familienangehörige; bei Ausflügen durften auch Angehörige für ein paar Pfennige in der jeweiligen Bahnhofskantine verköstigt werden (und das Essen dort war tatsächlich lecker und oft qualitativ hochwertiger als in so manch anderer Kantine), es gab Fernausflüge und Aktionen, die von der Bundesbahn und ihren Mitarbeitervereinigungen gesponsort wurden, und es gab große und preislich lukrative Wohnungen für Mitarbeiter.

So kam es, dass der kleine Pete mit seiner Familie im Jahre 1962 in eine großräumige 4-Zimmer-Wohnung umziehen durfte, und ein Jahr später in selbiger Behausung zum ersten Mal das Wunder des Fernsehens bestaunen durfte, denn von Vaters Verdienst war für die Familie tatsächlich auch ein Fernsehgerät drin.

 

 

Und es versteht sich natürlich von selbst, dass Klein Pete gerne Bahn fuhr und natürlich auch alles, was mit Eisenbahn zu tun hatte, mit Papa und oft auch mit Mutter und Schwester im Fernsehen anschaute. Die ersten Erlebnisse waren u. a. "Union Pacific" (wie kam man als "Angehöriger" der Deutschen Bundesbahn an einer Westernserie vorbei, die vom Bau der Eisenbahn im Wilden Westen berichtete? Unmöglich !), natürlich "Eisenbahndetektiv Matt Clark",  und selbst die legendäre "Totengräber"-Folge aus "Mit Schirm, Charme und Melone", in der Emma Peel im hautengen Lederdress auf die Schienen einer Miniatureisenbahn gefesselt ihr Ende heranrasen sah, durfte nicht fehlen. Später war dann mein Vater gar unfreiwilliger Komparse in einem Kommissar-Lutz-Tatort, der in Bad Wimpfen spielte und in dem er gefilmt wurde, wie er in den Zug einstieg (was auch sonst ...?).

 

Aber meine Eltern, und insbesondere mein alter Herr, waren auch glühende Fans des Ohnsorg-Theaters und deutscher Spielfilmklassiker, und so fuhren in den Apriltagen des Jahres 1972 natürlich die Züge der deutschen Bahn im Kleinstadtbahnhof  der fiktiven Stadt Lüttin ein, was dann in unserem Heim am Fernsehschirm verfolgt wurde. "Kleinstadtbahnhof", die neue Serie um das Wirtsehepaar einer Bahnhofsgaststätte in Schleswig-Holstein, bot mit Heidi Kabel und dem nicht minder großartigen Gustav Knuth ("Salto Mortale", "Alle meine Tiere") nämlich zwei hochkarätige und charismatische Hauptdarsteller auf, die dieser neuen Familienserie im Vorabendprogramm der ARD gute Quoten bescheren sollte. In 13 halbstündigen Episoden erlebten die Zuschauer die Sorgen und Nöte der Gastwirtsfamilie Henning mit, begleiteten den halsstarrigen und oft aufbrausenden Wirt Gustav dabei, wenn er wieder mal mit dem Kopf durch die Wand wollte und seine Frau Hanne, wie sie ihn gerade noch bremsen und so einen größeren Schlamassel verhindern konnte.

 



Das Ehepaar hat zwei Kinder – Sohn Wolfgang ist der Hoffnungsträger der Eltern, denn er studiert Medizin und soll Arzt werden, und Tochter Uschi – nun ja, sie ist das Sorgenkind, denn sie hat Probleme in Sachen Liebe und bekommt im Verlauf der Serie gar ein uneheliches Kind, das auch ein solches bleiben wird.

Filius Wolfgang macht seinen Eltern einen dicken fetten Strich durch die Rechnung, denn er hat die Vorzüge der "Deutschen Bundesbahn" erkannt, und getreu dem Sprichwort: "Wer nichts wird, wird Wirt" tritt er ins Unternehmen DB ein und macht u. a. seine Fahrdienstleiterprüfung.

 

Aber auch die Küchenhilfe und Bedienung Trudchen, von Stammgast Jens oft spöttisch-liebevoll "altes Suppenhuhn" genannt, sorgt für Turbulenzen – die etwas einfältige und viel zu gutmütige graue Maus schaut oft recht traurig und resigniert aus der Wäsche und gibt aufgrund ihres Herzeleids (sie sehnt sich ja auch nach einem Mann fürs Leben und vor allem nach Anerkennung für ihre Arbeit) öfters Grund zur Sorge.

Jens ist Rangierlokführer, mit  Wirt Gustav befreundet ist und macht sich einen Spaß daraus, Trudchen auf seine derbe norddeutsche Art aufzuziehen.

Wie bei so mancher deutschen Serienproduktion der 70er sind auch die Geschichten rund um den "Kleinstadtbahnhof" geprägt von sozialen und gesellschaftlichen Themen wie Drogenmissbrauch, Gastarbeitern, Rockern, Obdachlosenproblematik, Steuerpolitik und Existenzsorgen.

Dies gibt natürlich den beiden Stars der Serie, Heidi Kabel und Gustav Knuth, die Gelegenheit, ihr ganzes Können zu zeigen. Knuth kann so richtig kauzig, aber auch aufbrausendes Familienoberhaupt sein, und Heidi Kabel ist die besorgte Mutter und übt schon mal für eine ähnlich angelegte Rolle in der späteren Aussteigerserie "Der Sonne entgegen".

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